Die Wurzeln der Seele
UNTERTüRKHEIM: Muttersprache als Projekt gegen Stress und Gewalt
(mk) - Vom aggressiven Verhalten ihrer Vorgänger profitieren die diesjährigen Viertklässler der Wilhelmsschule. Die Schulverantwortlichen initiierten das beachtliche Projekt „Muttersprache“, bei dem die Grundschüler ihren Stress und Druck auf kreative Weise abreagieren konnten. Das Ergebnis zeigten sie in einer Ausstellung in der Stadtbücherei, die nun zum Beratungszentrum Inselstraße weiterwandert.
Der Stolz über das Geleistete waren Laura Hirsch und Gamze Isik bei der Vernissage des Projekts „Muttersprache - die Wurzeln der Seele“ anzusehen. Ein gelb-schwarzes Dreieck ziert die Vorderseite ihres T-Shirts. In der Mitte des Dreiecks ist ein Blitz, darunter stehen die Großbuchstaben „WMW“. Die Abkürzung stehe für „Was Mädchen wollen“, erklären die Viertklässlerinnen. Sowohl Logo als auch Kürzel haben sie mit Lehrerin Cornelia Wolf erarbeitet. „Aber wir haben noch mehr gemacht“, erklärt Céline Schulz. In der Stadtbücherei hängen Porträts der Mädchen. Jede junge Dame ließ sich so ablichten, wie sie wünscht, dass man sie sieht. Laura Hirsch zeigt auf dem Bild ihre Muskeln. „Ich wollte auch einmal auf einen so starken Typen wie die Jungen machen“, sagt sie lachend. Dass Frauen noch andere Qualitäten besitzen, beweist auch die Rückseite ihres T-Shirts. Dort steht ein selbst verfasstes Gedicht. Zudem führten sie bei der Vernissage einen nahezu selbst choreografierten Tanz vor.
Ihre Klassenkameraden hatten sich für andere Formen der Selbstdarstellung entschieden: Unter dem Motto „Jungs sagen, was sie fühlen“, hatten sie sich freiwillig zweimal in der Woche mit dem angehenden Lehrer Justus Ermel getroffen. Ihren Wunsch, etwas mit dem Computer zu machen, setzten die jungen PC-Profis kreativ um: „Jeder Teilnehmer erstellte eine eigene Powerpoint-Seite mit einem Selbstportrait für die Präsentation“, erzählt Ermel. Zudem schrieben sie Elfchen-Gedichte und probten ihre Kraft bei Kampfsportübungen mit Cornelia Wolf aus. „Für die Viertklässler war das Projekt wie ein Nest, in dem sie sich aufgehoben fühlten“, sagen die Betreuer. Dies war auch der Grundgedanke. „Nach verbalen Kraftausdrücken bei unserem letztjährigen Tag der offenen Tür wollten wir der aufgestauten Aggression auf den Grund gehen und den Kindern einen Raum geben, mit ihrer Wut und den Gefühlen umzugehen“, sagt Schulleiterin Sibylle Ermel. Die Wilhelmsschule holte sich die Stadtteilbücherei und das Kompetenzzentrum Stuttgart mit ins Boot. „Das ist unser erstes Projekt, das bisher mit solch einem großen Erfolg zu Ende geführt wurde“, war Anton Gluitz vom Kompetenzzentrum beeindruckt. Nachdem die Ausstellungsstücke bis gestern in der Stadtbücherei hängten, hat die Beratungsstelle in der Inselstraße Interesse bekundet, die Werke der Viertklässler in den Räumen aufzuhängen.
